Montag, 26. September 2016

Der polnische Abg(es)ang

Der Bank Austria Salon feierte letzten Donnerstag sein Zwei-Jahres-Jubiläum. Diskurswurzel war diesmal der Gender-Begriff samt seinen hybriden Themenverästelungen Feminismus, Karenz-Regelung, Gewalt an Frauen (und Männern) und ja, auch die Abtreibung.


Am Freitag beschloss das polnische Parlament die Abtreibung gesetzlich und gänzlich zu verbieten. Auf den Social-Media-Plattformen machte sich hauptsächlich Empörung breit. Bilder der in schwarz gehüllten Gegenbewegung stiegen aus den Twitter-Blasen auf, im Forum der Tageszeitung „Der Standard“ stand der Kommentar-Counter letztlich bei 1080 Zählern. Dass dieses Thema stark polarisiert, konnte man bereits am Vorabend im Alten Rathaus erahnen. Um sich dem Monolith Gender zu nähern, waren Christine Bauer-Jelinek und Patrick Catuz geladen. Die Moderation übernahm Bernhard Seyringer.


 
Christine Bauer-Jelinek jüngste Publikation zum Thema „Der falsche Feind – Schuld sind nicht die Männer“ beschäftigt sich mit derzeitigen gesellschaftlichen Rollenbildern in wirtschaftlichen Führungsebenen. Catuz ist hingegen Kulturarbeiter und ein Verfechter des feministischen Pornos, und publizierte hierzu 2013 sein Buch „Feminismus fickt!: Perspektiven feministischer Pornographie“.



Bereits hier zeigt sich die große Zugangsbreite und Facettenvielfalt von Feminismus und Gender. Sowohl höchste Führungskreise als auch ganz private Bereiche werden in allen Spektralfarben der Pride-Fahne diskutiert. Insgesamt ist also definitiv ein gesamtgesellschaftlicher Wandel festzustellen. Wenn die Musikerin St. Vincent ein Leiberl mit dem Aufdruck „The Future is Female“ trägt, findet das erstens natürlich viele AnhängerInnen in und außerhalb der Communities und provoziert andererseits natürlich stark. Und das sogar im eh gut gebildeten Milieu des lässigen Großstädters. 

Dass die Gleichstellung der Frau und  die Entgeltgleichheit zwischen Männern und Frauen  absolut notwendig und erstrebenswert sind, wird von beinahe allen befürwortet. Solche Prints haben allerdings wenig mit Gleichstellung zu tun. Sie beweisen, dass dieses Pendel, das tausende von Jahren Richtung Männlichkeit und Patriarchat ausschlug, sich nur langsam Richtung der gleichberechtigten Mitte bewegt und eben manchmal darüber hinausschlägt. Die Provokation dient hier nur der Beschleunigung der Bewegung gen Mitte, die leider immer noch nicht erreicht scheint. Bauer-Jelinek sieht diese jahrelang eingebürgerten Gewohnheiten auch in Führungsschichten. Die gläsernen Decken, also unsichtbare Grenzen, die Frauen daran hindern in die Unternehmensführung aufzusteigen, werden derzeit noch nicht durchbrochen. Sie erklärt dies dadurch, dass Frauen effektiv erst seit ca. 40 Jahren studieren und diese Generation erst jetzt an den Sesseln der Unternehmensführung sägen kann. Das Patriarchat wurde nun mal seit der Steinzeit aufgebaut und kann nicht in ein paar Hundert Jahren gekippt werden. Allerdings sieht Bauer-Jelinek ein enormes Potential bei den heutigen Frauen. Diese besitzen das notwendige Hierarchieverständnis, die Konkurrenzbereitschaft und natürlich ein außerordentliches Maß an Frustrationstoleranz. Für das Durchbrechen dieser Decken ist laut Bauer-Jelinek keine Quotenregelungen notwendig, sondern lediglich nur noch etwas Sitzfleisch.

Catuz sieht die nur leicht angekratzten gläsernen Decken in der Porno-Industrie relativ tiefhängend. Regie und Kameraarbeit zu leisten wird den Frauen dort immer noch enorm erschwert. Vor allem im Mainstream-Porno fungieren Frauen immer noch lediglich als Lustspiegelung der Männer. Dass sich Porno und Feminismus auch nicht immer verträgt, zeigte sich beispielsweise Anfang der 1980er-Jahre. Da führten die Debatten und der Diskurs zwischen sexpositiven und antipornografischen Feministinnen in den USA zum Ende des Second-Wave-Feminismus. Auch die hiesige Gallionsfigur Alice Schwarzer lehnt Pornografie strikt ab. So weit, so diversifiziert die Meinungen.

Irgendwie ist Vaterschaftskarenz immer noch gesellschaftlich nicht wirklich etabliert. Catcalling, Rabenmuttervorwürfe, Quotenregelungen in Politik und bei Musik-Festivals sind alles Meinungsgeneratoren, die der enormen Themenzersplitterung noch zusätzlich zusetzen.


Bei einem waren sich die Experten allerdings einig. Und zwar, dass vor dem Hintergrund der Flüchtlingsthematik noch erschwerend hinzukommt, dass wir uns nicht nur noch intensiver mit Feminismus selbst auseinandersetzen müssen, sondern mit einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung. Die größte Emotion des Abends erzeugte deswegen auch die Publikumsfrage, inwiefern denn nun Islam und Feminismus vereinbart werden können. Die entstandenen Fragezeichen wollten an diesem Abend nicht wirklich verschwinden und am nächsten Tag lediglich durch Stirnrunzeln und Kopfschütteln beim Blick in die Zeitung und Richtung Polens Entscheidung abgelöst werden.

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