Mittwoch, 23. November 2016

Martin Kippenberger - Ein Set von alternativen Ausstellungstexten


Martin Kippenberger ist Thema einer Lehrveranstaltung, die dieses Semester am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien abgehalten wird. Die Studierenden haben dieses Set von alternativen Wandtexten für die Kippenberger-Ausstellung verfasst. Wir finden das ganz großartig und wünschen viel Spaß beim Lesen!


Ich, Martin Kippenberger Superstar

"Dialog mit der Jugend" aus der 3-tlg. Serie Berlin bei Nacht, 1981
Ich bevorzuge es, mit verschiedenen Medien zu arbeiten, Hauptsache alles dreht sich um mich. Meine intensive Berliner Zeit thematisiere ich in Berlin bei Nacht, immer unterwegs und im rauschenden Dialog mit der Punkszene. Als Reaktion auf meine beleidigten Kritiker und im Wissen um meine provokative Selbstinszenierung stellte ich mich 1989 in die Ecke und schämte mich. „I hate you“ fifteen times! Als Künstler muss ich das Kreuz und die Krone selbst tragen, das Martyrium auf mich nehmen. Schaut hin und erkennt mich als enfant terrific oder Kippenberger Superstar.

Lisa Leutner, Laura Fuchs, Henriette Hochgatterer



Das Künstler-Chamäleon

Ertragsgebirge mit Wirtschaftswerten von Joseph Beuys I, 1985
Nach der gescheiterten Schauspiel-Karriere entschied sich Martin Kippenberger die in Florenz entstandenen Alltagsfotos im Stil Gerhard Richters auf Leinwände im Werk Uno di voi, un tedescho in Firenze zu übertragen – das stellt den Beginn seines malerischen Schaffens dar. Das war jedoch nicht der einzige Bezug zu seinen Künstlerkollegen. 1996 vollendet er als „Picasso-Reinkarnation“ dessen Werk indem er die Fotos von Jacqueline Picasso malerisch umsetzte. Frei nach der Aussage Joseph Beuys’ „Wenn Ihr alle meine Multiples habt, dann habt Ihr mich ganz“ versuchte Kippenberger in dem Werk Ertragsgebirge mit Wirtschaftswerten von Joseph Beuys I wieder einem Künstler näher zu kommen. Dies macht deutlich, dass Kippenberger sich in seinem Œuvre immer wieder mit dem Werk anderer Kunstschaffender auseinandersetzte und diese Eindrücke kreativ verarbeitete.

Selin Stütz, Barbara Marx, Sophie Abplanalp



Zuerst schauen dann lesen!

Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken, 1984
Die raumgreifende Installation Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald lässt uns eintauchen in die Deutsche Geschichte. Die drei Gemälde J.A.F., Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken und Heil Hitler Ihr Fetischisten begrenzen den Wald. Sie sind differenzierte Hinweise auf Martin Kippenbergers Provokation mit Sprache und Bildgestaltung und zeigen auf die deutsche Nachkriegszeit. Das Verknüpfen von Werk- und Titelebene verdeutlicht das Wirken von Kippenbergers Sprachgebrauch, der hier die Interpretation gezielt in eine Richtung lenkt. In diesem Sinne kritisiert er die zu große Bedeutung, die Titeln bei der Betrachtung von Werken beigemessen wird.

Mirabelle Spreckelsen, Sophie Rosenberger, Marianna Nenning




Vision vom Buch

Wer diesen Katalog nicht gut findet muß sofort zum Arzt
(mit Werner Büttner, Albert Oehlen und Markus Oehlen
Die Faszination am Wortspiel zeigt sich bei Kippenberger in allen Medien trotz seiner Legasthenie. Insbesondere seine zahlreichen Kunstbücher vereinen die unterschiedlichen Facetten der Person Kippenberger, Privates, Künstlerisches und öffentliche Wirksamkeit treffen aufeinander. Die Bücher sind keine reinen Verkaufsobjekte, sondern werden selbst zum Gegenstand seines künstlerischen Schaffens. In seinen Buchaquarellen porträtierte er die eigenen Bücher und der Betrachter wird zur genaueren Begutachtung angeregt. Ebenso eröffnet er dem Besucher den Einblick in den Inhalt seiner Bücher durch Projektion auf weißes Papier.

Cornelia Kofler, Axel Sabitzer, Sara Alavi Kia




Was könnt Ihr dafür?

Zuerst die Füße, 1990
Das zentrale Werk des Raumes ist der umstrittene Zyklus Fred the Frog. Zu diesem gehören neben dem Multiple mit Frosch am Kreuz die vier Gemälde und das Büchlein Fred the frog rings the bell once a penny two a penny hot cross burns. Hier wird Kippenbergers Lust an der Provokation ersichtlich, wie auch sein Talent mit Wortfetzen zu spielen. Die auf den ersten Blick unzusammenhängend auf die Leinwand geschrieben scheinenden Worte wurden von seinem Assistenten unter genauer Vorgabe von Schrift und Form in die Werke integriert. Mit dem am Kreuz hängenden Frosch schafft der Künstler ein Selbstporträt, das die christliche Kirche gleichzeitig karikiert. Ergänzt wird der Zyklus durch ein weiteres malerisches Werk: Die Bourgeosie kommt nicht weiter und der Fußball bewegt sich im Mittelfeld aus dem Jahr 1985. Schon im Titel wird wieder Kippenbergers Affinität zur Sprache deutlich. Scheinbar wahllos werden Slogans auf die Leinwand appliziert.

Aline Steinwender, Nurja Ritter, Leonie v. Oelsen




Vielfältigkeit statt Eindeutigkeit

The Problem Perspective. You are not the problem,
it’s the problem-maker in your head, 1986
Malerei, Multiples, Skulptur, Sound, Print – die Medienvielfalt verdeutlicht sich in Kippenbergers Spätwerk. Spiegelfolien mit Text binden den Betrachter mit ein, vermischen Erfundenes wie Kippenbergers Absage seiner Teilnahme an der documenta mit Realem, dem Antwortschreiben. Die kontrastreiche Stimmung zeigt sich besonders stark in den Malereien. So hängt Kippenbergers Selbstinszenierung als Clown im quietschbunten Kasperle-Zyklus auf der einen Seite, während es gegenüber in gedeckten Farben lautet The Problem Perspective: You are not the problem. It’s the problem-maker in your head. Die zwei ungewöhnlichen Möbelstöcke sind dem 47-teiligen Peter-Skulpturen-Zyklus entnommen, mit dem er die Galerie Max Hetzler vollstellte und „vermöbelte“ – sie sind Platzhalter für Kippenbergers Humor und performativen Arbeitscharakter.

Lothar Gödl, Eva Oberhofer, Sophie Publig




Wegweisender Nonsense

Andrea Stappert, Martin Kippenberger im Atelier Lindenstra.e, Köln 1985
Wegweisend präsentiert sich der Wortwald der irreführenden Installation im finalen Blickpunkt der Stirnwand. Kippenberger schafft durch seine Wortvorgaben Verwirrung, sowie Assoziationen und Wortwitz. Dieser Irritationsgedanke und die schwere Lesbarkeit findet sich ebenfalls im erstmals ausgestellten gelben Gemälde Ohne Titel von 1995 wieder. Die Werkserie Das Floss der Medusa greift die Vielschichtigkeit des Künstlers erneut und abschließend auf. Ausgehend von einer Fotografieserie Elfie Semotans entwickelte das Künstlerpaar den Medusa-Zyklus dabei rezipierend das Gemälde Das Floß der Medusa (1818/19) von Theodore Géricault. Abschließend wird der Besucher mit dem Versuch des Einschreibens in die Kunstgeschichte des Künstlers entlassen.

Vanessa Danisch, Marit Herrmann, Felicitas Kastner









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