Freitag, 24. November 2017

Myanmar oder das Warten auf den Sonnenuntergang

Myanmar – oder das Warten auf den Sonnenuntergang

Um es gleich vorweg zu schicken -– wir haben ihn dann doch 'gefunden'! Aber unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Denn alle im Programm einer jeden Myanmar-Reise vorgesehenen Sonnenuntergänge fanden nicht statt. Fehlanzeige in Bagan ebenso wie auf dem Mandalay Hill und am Inle See. Entschädigt wurden und werden wir nun allabendlich am Ngpali Beach, wo sich der Himmel Kilometer weit rot verfärbt, sobald die Sonne im Meer versunken ist. Wir müssen nur noch die Abstimmung mit der Happy Hour des Hotels verbessern, dann passt alles.
Sehr viel mehr Action gibt es am ewig langen Sandstrand, den Barbara morgens laufend erobert,  nicht und das ist auch gut so. Denn Augen, Nase und Seele brauchen Zeit, um die unglaublich vielen Eindrücke der letzen 1,5 Wochen zu verarbeiten.



Der Einstieg in Yangon – immerhin rd. 6 mio Einwohner – war heftig. Statt 'Schonkost' in Form eines Besuchs der , die  mitten in der Stadt gelegen  dennoch ein Ort der Ruhe ist, ging es gleich in die engen Gassen von Chinatown und Little India: Markt an allen Ecken und Enden, der natürlich wenig mit unserem geordneten Marktleben zu tun hat. Die Frage, ob man hier als Standler auch Essen anbieten darf, stellt sich wohl nicht.

Was wir in den Gassen auch zum ersten Mal erlebten, war der 'typische Myanmar-Geruch': leicht säuerlich mit intensiver Fischnote. ‎In fester Form lernten wir das dann als einer Art Fischsoße kennen. Im Gegensatz zu unserem Fahrer, der mit seinen geschätzten 1,55 cm einen mehr als gesegneten Appetit hatte, hielt sich unsere Begeisterung aber in Grenzen.

An den Kolonialbauten hat der Zahn der Zeit ganz ordentlich genagt. Rule Britannia ist eben doch schon eine Weile her. Offensichtlich sind sie vom umfangreichen Donatoren-Prinzip, das das Land doch ein Stück weit zusammenhält, ausgenommen. ‎Ganz anders schaut es da mit den Pagoden aus. Wir haben sehr schnell aufgehört, die vielen Spendenboxen, die in und um die Pagoden herumstehen, zu zählen, man kommt eh nicht nach. Das Ausrufen von Spendenmöglichkeiten hat uns persönlich auch nicht weitergerbracht. Denn unsere Kenntnisse der Landesprache dümpeln immer noch bei 'minga la ba' (hallo, guten Tag) und 'jesuba' (danke) herum. (Aber das beherrschen wir immerhin mit einem  fast schon perfekten burmesischen Lächeln, ohne das hier 'gar nichts geht'.).

   

Das Spendenprinzip ist übrigens wirklich beeindruckend. Man möchte fast sagen "clever gemacht" vom Buddhismus. Jeder trägt etwas bei, auch der kleinste Reisbauer. Schließlich geht es darum, im nächsten Leben ein besseres Los zu ziehen als im jetzigen. Und wer kein Geld hat, kann immer noch beim Putzen der Pagode helfen  bevorzugt die Tier-Tempel, die den eigenen GeburtsTAG markieren. Das Angebot reicht von Ratte über Meerschwein, Drachen bis hin zum Elefanten  mit (Mittwoch morgen) oder ohne (Mittwoch nachmittag) Stoßzähnen.‎ Also ein Paradies für Barbara und ihre Tierliebe, wären da nicht die vielen wilden Hunde, die fotografiert werden wollten (?) und daher ebenfalls ihre ungeteilte Aufmerksamkeit benötigten. (Es waren aber auch wirklich süße Exemplare dabei. Ein Streichelverbot gab es trotzdem  bitte keine Flöhe im Zimmer).



Spirituelle Ruhe sucht man bei den großen Pagoden übrigens vergeblich.
Sie stehen im wahrsten Sinne des Wortes mitten im Leben  egal ob in der Metropole Yangon, im ländlichen Bagan (wo dies natürlich nicht auf alle rd. 3400 Pagoden, die auf einer 40qm großen Fläche zu finden sind, zutrifft) im quirligen Mandalay samt den umliegenden Königsstädten oder auf dem Wasser des Inle Lake. Man trifft sich dort am Wochenende mit der Familie und Freunden -– schon um zu beten, aber ebenso um zu plaudern, zu picknicken oder  im Fall der Kinder  herum zu toben. Und wenn sich dann noch die Frauengruppen, die anlässlich des Vollmond Festes am Webwettbewerb für den schönsten Buddha-Umhang teilnehmen, vor den extra in der Pagode aufgestellten Webstühlen einfinden, gibt es sowieso kein Halten mehr.


Überhaupt  die Birmanen sind ganz ordentliche 'Party-People'  der Buddhismus scheint hier viele Möglichkeiten zu bieten. Und wenn es gerade mal keinen religiösen Anlass gibt, dann kann man immer noch zum 'Baloon Festival' an den Inle See fahren, dessen Ausklang wir vor allem in Form einheimischer Reisegruppen, die nach dem Festival noch die Hauptpagode des Sees besuchten, erlebten. Balons haben wir leider keine mehr gesehen. Wahrscheinlich haben die  mehrheitlich selbstgebastelten  Exemplare das Festival nicht überlebt. Die Zahl der 'Unfälle' ist hier wohl doch recht hoch.  ‎Selbstgebastelt sind übrigens auch die Lautsprecher, die an Festtagen aus der Garage geholt und bevorzugt auf Pick-up-Trucks geladen werden, um dann mit lauter Musik durch die Gegend zu fahren.
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Der Inle See ist aber auch ohne Balons (und ohne Sonnenuntergang) beeindruckend. Gegen das Leben hier scheint das Leben in Venedig etwas für 'Weicheier' zu sein, denn viele Orte liegen wirklich auf dem See. Wenn man zum Nachbarn auf ein 'Schwätzchen' will, muss man das Kanu hervorholen. Ohne Boot ist man schnell einsam.  
Auf dem See schwimmen unzählige Wasserhyazinten, Wasserlilien und riesige Tomatenfelder, die in Wahrheit Inseln sind und dementsprechend vom Wasser aus bestellt werden. Geliefert werden die Tomaten dann  nach händischer (!) Sortierung  bis nach Mandalay und Yangon und zwar jeden Tag. Das ist deshalb beeindruckend, weil es hier ja kein Schnellbahn- oder Autobahnsystem gibt. Mit dem Zug braucht man vom See bis nach Mandalay rd 12 Stunden (es sind knapp 500 km). Die LKWs, die die Tomaten über Nacht in die Stadt bringen, benötigen dafür 8 Stunden.

Unsere 'Eroberung' des Sees fand übrigens ebenfalls mittels Boot statt. Eine angenehme Abwechslung zu Fahrten in phantasievoll mit Polyesterpelz- oder Spitzenbezügen und Duftfläschchen ('breeze') ausgestatteten Au‎tos oder den zwar malerischen, aber auch holprigen Ausflügen mit kleinen Kutschen, die von ebenso kleinen Pferden gezogen wurden.
Die Boote sind 45 Meter lang und bieten bis zu ebenso ‎vielen Menschen Platz. Natürlich nur dann, wenn man wie die Birmanen gewohnt ist, stundenlang in der Hocke auf dem Boden zu sitzen. Für die ungeübten Touristen gibt es herrlich bequeme Holzsessel, auf denen man sich den Wind um die Nase wehen lassen kann. Vorausgesetzt, das Boot fährt, was es bei uns auf dem Weg zum Flughafen kurz nicht tat. Wir schaukelten also etwas verloren auf dem See herum und überlegten schon, wie das Umladen unseres nicht gerade kleinem Gepäcks auf dem See  von statten gehen könnte (ganz zu schweigen von uns selber), als Gott sei Dank ein Boot mit dem passenden Ersatzteil stoppte.

Somit stand der Reise zum letzten Stopp  eben eingangs erwähntem Strand nichts mehr im Wege.

Und da liegen wir nun und lassen bei Strandspaziergängen und dem Bad im Badewannen warmen Meer‎ die Reise Revue passieren. Noch haben wir nicht entschieden, was uns am besten gefallen hat: Stadtleben, riesige Shwedagon Pagode und Rooftop Bar in Yangon, das rurale Bagan samt Dschungelbuch-Feeling und Flussfahrt, Mandalay und sein Zauber  obwohl die Stadt noch so jung ist  oder der Inle See im stolzen Shan Staat, wo immerhin mal eine Österreicherin Prinzessin war.



Womöglich muss man das aber auch gar nicht entscheiden. Denn dieses Land, dass sich zwischen 3. Welt und Aufbruchstimmung‎ hin- und her bewegt, das so unglaublich vielseitig ist und die Heimat so unglaublich freundlicher (vielleicht auch mal sympathisch gaunerhafter) Menschen, kann man gar nicht klassifizieren. 

Fest steht nur: für den heutigen Sonnenuntergang sind wir gewappnet. Eine Flasche Sauvignon blanc vom Red Mountain Estate am Inle See liegt in unserem Kühlschrank! Danach ist dann immer noch Zeit für die Happy Hour!

Eure Barbara und Katja


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