Freitag, 24. November 2017

Myanmar oder das Warten auf den Sonnenuntergang

Myanmar – oder das Warten auf den Sonnenuntergang

Um es gleich vorweg zu schicken -– wir haben ihn dann doch 'gefunden'! Aber unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Denn alle im Programm einer jeden Myanmar-Reise vorgesehenen Sonnenuntergänge fanden nicht statt. Fehlanzeige in Bagan ebenso wie auf dem Mandalay Hill und am Inle See. Entschädigt wurden und werden wir nun allabendlich am Ngpali Beach, wo sich der Himmel Kilometer weit rot verfärbt, sobald die Sonne im Meer versunken ist. Wir müssen nur noch die Abstimmung mit der Happy Hour des Hotels verbessern, dann passt alles.
Sehr viel mehr Action gibt es am ewig langen Sandstrand, den Barbara morgens laufend erobert,  nicht und das ist auch gut so. Denn Augen, Nase und Seele brauchen Zeit, um die unglaublich vielen Eindrücke der letzen 1,5 Wochen zu verarbeiten.



Der Einstieg in Yangon – immerhin rd. 6 mio Einwohner – war heftig. Statt 'Schonkost' in Form eines Besuchs der , die  mitten in der Stadt gelegen  dennoch ein Ort der Ruhe ist, ging es gleich in die engen Gassen von Chinatown und Little India: Markt an allen Ecken und Enden, der natürlich wenig mit unserem geordneten Marktleben zu tun hat. Die Frage, ob man hier als Standler auch Essen anbieten darf, stellt sich wohl nicht.

Was wir in den Gassen auch zum ersten Mal erlebten, war der 'typische Myanmar-Geruch': leicht säuerlich mit intensiver Fischnote. ‎In fester Form lernten wir das dann als einer Art Fischsoße kennen. Im Gegensatz zu unserem Fahrer, der mit seinen geschätzten 1,55 cm einen mehr als gesegneten Appetit hatte, hielt sich unsere Begeisterung aber in Grenzen.

An den Kolonialbauten hat der Zahn der Zeit ganz ordentlich genagt. Rule Britannia ist eben doch schon eine Weile her. Offensichtlich sind sie vom umfangreichen Donatoren-Prinzip, das das Land doch ein Stück weit zusammenhält, ausgenommen. ‎Ganz anders schaut es da mit den Pagoden aus. Wir haben sehr schnell aufgehört, die vielen Spendenboxen, die in und um die Pagoden herumstehen, zu zählen, man kommt eh nicht nach. Das Ausrufen von Spendenmöglichkeiten hat uns persönlich auch nicht weitergerbracht. Denn unsere Kenntnisse der Landesprache dümpeln immer noch bei 'minga la ba' (hallo, guten Tag) und 'jesuba' (danke) herum. (Aber das beherrschen wir immerhin mit einem  fast schon perfekten burmesischen Lächeln, ohne das hier 'gar nichts geht'.).

   

Das Spendenprinzip ist übrigens wirklich beeindruckend. Man möchte fast sagen "clever gemacht" vom Buddhismus. Jeder trägt etwas bei, auch der kleinste Reisbauer. Schließlich geht es darum, im nächsten Leben ein besseres Los zu ziehen als im jetzigen. Und wer kein Geld hat, kann immer noch beim Putzen der Pagode helfen  bevorzugt die Tier-Tempel, die den eigenen GeburtsTAG markieren. Das Angebot reicht von Ratte über Meerschwein, Drachen bis hin zum Elefanten  mit (Mittwoch morgen) oder ohne (Mittwoch nachmittag) Stoßzähnen.‎ Also ein Paradies für Barbara und ihre Tierliebe, wären da nicht die vielen wilden Hunde, die fotografiert werden wollten (?) und daher ebenfalls ihre ungeteilte Aufmerksamkeit benötigten. (Es waren aber auch wirklich süße Exemplare dabei. Ein Streichelverbot gab es trotzdem  bitte keine Flöhe im Zimmer).



Spirituelle Ruhe sucht man bei den großen Pagoden übrigens vergeblich.
Sie stehen im wahrsten Sinne des Wortes mitten im Leben  egal ob in der Metropole Yangon, im ländlichen Bagan (wo dies natürlich nicht auf alle rd. 3400 Pagoden, die auf einer 40qm großen Fläche zu finden sind, zutrifft) im quirligen Mandalay samt den umliegenden Königsstädten oder auf dem Wasser des Inle Lake. Man trifft sich dort am Wochenende mit der Familie und Freunden -– schon um zu beten, aber ebenso um zu plaudern, zu picknicken oder  im Fall der Kinder  herum zu toben. Und wenn sich dann noch die Frauengruppen, die anlässlich des Vollmond Festes am Webwettbewerb für den schönsten Buddha-Umhang teilnehmen, vor den extra in der Pagode aufgestellten Webstühlen einfinden, gibt es sowieso kein Halten mehr.


Überhaupt  die Birmanen sind ganz ordentliche 'Party-People'  der Buddhismus scheint hier viele Möglichkeiten zu bieten. Und wenn es gerade mal keinen religiösen Anlass gibt, dann kann man immer noch zum 'Baloon Festival' an den Inle See fahren, dessen Ausklang wir vor allem in Form einheimischer Reisegruppen, die nach dem Festival noch die Hauptpagode des Sees besuchten, erlebten. Balons haben wir leider keine mehr gesehen. Wahrscheinlich haben die  mehrheitlich selbstgebastelten  Exemplare das Festival nicht überlebt. Die Zahl der 'Unfälle' ist hier wohl doch recht hoch.  ‎Selbstgebastelt sind übrigens auch die Lautsprecher, die an Festtagen aus der Garage geholt und bevorzugt auf Pick-up-Trucks geladen werden, um dann mit lauter Musik durch die Gegend zu fahren.
‎ 


Der Inle See ist aber auch ohne Balons (und ohne Sonnenuntergang) beeindruckend. Gegen das Leben hier scheint das Leben in Venedig etwas für 'Weicheier' zu sein, denn viele Orte liegen wirklich auf dem See. Wenn man zum Nachbarn auf ein 'Schwätzchen' will, muss man das Kanu hervorholen. Ohne Boot ist man schnell einsam.  
Auf dem See schwimmen unzählige Wasserhyazinten, Wasserlilien und riesige Tomatenfelder, die in Wahrheit Inseln sind und dementsprechend vom Wasser aus bestellt werden. Geliefert werden die Tomaten dann  nach händischer (!) Sortierung  bis nach Mandalay und Yangon und zwar jeden Tag. Das ist deshalb beeindruckend, weil es hier ja kein Schnellbahn- oder Autobahnsystem gibt. Mit dem Zug braucht man vom See bis nach Mandalay rd 12 Stunden (es sind knapp 500 km). Die LKWs, die die Tomaten über Nacht in die Stadt bringen, benötigen dafür 8 Stunden.

Unsere 'Eroberung' des Sees fand übrigens ebenfalls mittels Boot statt. Eine angenehme Abwechslung zu Fahrten in phantasievoll mit Polyesterpelz- oder Spitzenbezügen und Duftfläschchen ('breeze') ausgestatteten Au‎tos oder den zwar malerischen, aber auch holprigen Ausflügen mit kleinen Kutschen, die von ebenso kleinen Pferden gezogen wurden.
Die Boote sind 45 Meter lang und bieten bis zu ebenso ‎vielen Menschen Platz. Natürlich nur dann, wenn man wie die Birmanen gewohnt ist, stundenlang in der Hocke auf dem Boden zu sitzen. Für die ungeübten Touristen gibt es herrlich bequeme Holzsessel, auf denen man sich den Wind um die Nase wehen lassen kann. Vorausgesetzt, das Boot fährt, was es bei uns auf dem Weg zum Flughafen kurz nicht tat. Wir schaukelten also etwas verloren auf dem See herum und überlegten schon, wie das Umladen unseres nicht gerade kleinem Gepäcks auf dem See  von statten gehen könnte (ganz zu schweigen von uns selber), als Gott sei Dank ein Boot mit dem passenden Ersatzteil stoppte.

Somit stand der Reise zum letzten Stopp  eben eingangs erwähntem Strand nichts mehr im Wege.

Und da liegen wir nun und lassen bei Strandspaziergängen und dem Bad im Badewannen warmen Meer‎ die Reise Revue passieren. Noch haben wir nicht entschieden, was uns am besten gefallen hat: Stadtleben, riesige Shwedagon Pagode und Rooftop Bar in Yangon, das rurale Bagan samt Dschungelbuch-Feeling und Flussfahrt, Mandalay und sein Zauber  obwohl die Stadt noch so jung ist  oder der Inle See im stolzen Shan Staat, wo immerhin mal eine Österreicherin Prinzessin war.



Womöglich muss man das aber auch gar nicht entscheiden. Denn dieses Land, dass sich zwischen 3. Welt und Aufbruchstimmung‎ hin- und her bewegt, das so unglaublich vielseitig ist und die Heimat so unglaublich freundlicher (vielleicht auch mal sympathisch gaunerhafter) Menschen, kann man gar nicht klassifizieren. 

Fest steht nur: für den heutigen Sonnenuntergang sind wir gewappnet. Eine Flasche Sauvignon blanc vom Red Mountain Estate am Inle See liegt in unserem Kühlschrank! Danach ist dann immer noch Zeit für die Happy Hour!

Eure Barbara und Katja


MerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerkenMerken

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Eröffnungsrede von Barbara Frischmuth

DIE HÄNDE VON GEORGIA O’KEEFFE

Mule’s Skull with Pink Poinsettia 1936
Es muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, als ich zum ersten Mal von Georgia O’Keeffe hörte, und zwar in Amerika. Sie wurde mir als Ikone des Feminismus und hervorragende Malerin beschrieben, und da ich damals oft zu Lesungen an amerikanische Universitäten eingeladen wurde, war es nicht schwierig, im einen oder anderen Museum Bilder von O’Keeffe zu sehen. Besonders beeindruckt war ich von ihren Werken, die sich auf die Natur alles Lebendigen beziehen, wobei sie unter anderem Tierschädelknochen mit gerade aufblühenden Pflanzen, also Entstehendes mit Vergänglichem konfrontiert, aber auch vom Versuch, in ihren Landschaftsbildern den Übergang von der Abbildung zur Abstraktion als Bildidee umzusetzen.


Ich hatte also gute Erinnerungen an die Künstlerin O’Keefe, obgleich eine Ausstellung vor Jahren in München das Letzte war, was ich von ihr gesehen habe. Als ich dann gebeten wurde, zur Eröffnung der Wiener O’Keeffe-Ausstellung zu sprechen, freute ich mich vor allem darauf, sie neu zu entdecken und herauszufinden, ob es etwas in ihrer Kunst gibt, was mir damals gar nicht aufgefallen ist. Ich erzählte meiner Freundin, der Malerin Ida Szigethy davon, die mir sogleich ein Buch nach Altaussee schickte, von dem ich noch nie gehört hatte, nämlich den 1978 erschienenen Katalog einer Ausstellung im Metropolitan Museum of Art, mit 51 Fotografien, die Alfred Stieglitz, der Mann von Georgia O’Keeffe, zwischen 1917 und 1933 von ihr gemacht hatte. 1978 war Alfred Stieglitz bereits seit 32 Jahren tot, und O’Keeffe im 91. Lebensjahr. Sie hat übrigens selbst die Einleitung zu diesem Katalog geschrieben.

Alfred Stieglitz
Georgia O’Keeffe 1918
O’Keeffe erinnert sich dabei, wie Stieglitz 1917 wieder damit begonnen hatte, sie zu fotografieren, und beschrieb, wie mühsam es war, ihm als Modell zu dienen. Allein für die Aufnahmen mit den langsamen Glasnegativen, musste sie jeweils drei bis vier Minuten absolut reglos verharren, durfte weder blinzeln, noch den Mund verziehen oder sich kratzen, wenn es sie juckte. Unbarmherzig verlangte er ihr die merkwürdigsten Positionen und Verrenkungen ab, vor allem ihren Händen. Und nicht nur ihren Händen, sondern ihrem ganzen Körper, den er mit Hilfe von Licht und äußerster Nähe in sinnliche Landschaften verwandelte, die einer Art unentdeckten Kontinenten gleichen und sich durch eine große Wahrhaftigkeit auszeichnen, die weder vor Scham- und Achselhaaren zurückschreckt, noch vor Hagerkeit oder sich fältelnder Haut und die dennoch vor Schönheit geradezu glüht.

Damals musste zwischen der Malerin O’Keefe und dem Fotografen Stieglitz etwas passiert sein, das O’Keefe Jahre nach Stieglitz’ Tod folgendermaßen zu benennen versuchte: „Ich glaube es war die Arbeit, warum ich bei ihm geblieben bin, auch wenn ich ihn als Mensch geliebt habe.“
Stieglitz hatte O’Keeffe gezeigt, wer, und vor allem, was sie war, und sie hatte sich als solche in ihre Bilder zurückgespiegelt. Zu erkennen glaube ich das an ihren Händen. Sie selbst hatte einmal gesagt, ihre Hände seien schon immer bewundert worden, seit sie ein kleines Mädchen war, aber sie habe sich nie viel dabei gedacht.

Alfred Stieglitz
Georgia O’Keeffe 1918
Stieglitz schon. Er ließ ihre rechte und ihre linke Hand posieren.  Sei es als Hand, die Hand anlegt, eine andere an die Hand nimmt oder sie anderen auflegt, die etwas auf der Hand liegen hat oder in die Hand bekommt, jemandem an die Hand geht, eine Schulter umfasst oder eine Mitte, sich ausstreckt, sich an eine Brust schmiegt, unter verschränkten Armen hervorleuchtet, einen Stock zur Hand nimmt, sich zum Auffangbecken beult, während die andere eine Kuppel bildet. Hände, die zum Handgriff bereit sind, zur Handhabe, zu Handarbeit und zum Handwerk, die an den Handschlag glauben und an die Treuhand, nicht gerade zum Handstand neigen, aber interessiert sind an dem, was unter der Hand läuft, sowie an der Handhabung, nicht aber an der Hand im Mund. Handsame Hände, die gegeben werden oder, wenn es sein muss, selbst Hand anlegen, sich falten oder sich gegenseitig drücken, etwas bei der Hand haben und deren Haltung prüfen. Dazu noch die Hand als Handlanger, in der Erwartung des Kusses oder des Drucks, eines Schuhs oder eines Balls. Eine Hand, die sich am Handlauf festhält oder an der eigenen Hüfte, die sich als Bewegung wahrnimmt oder als Handgriff, als Hand, die Hand und Fuß hat, als Grußhand, die einem „Hände hoch!“ gehorcht und sich Handbreit für Handbreit wieder zurückzieht, um Handouts zu Handen von ... abzugeben oder sie von Hand zu Hand gehen zu lassen, bis sie in guten Händen sind.

Alles das, kann einem zu Händen einfallen, die eine so wichtige und eindrucksvolle Rolle spielen wie die O’Keeffschen in den Stieglitzschen Fotografien. Es sind Hände, die als Akteure auftreten, die zwar mit dem Körper O’Keeffes in Verbindung stehen, sich jedoch nach einer eigenen Choreografie bewegen, gelenkt von Stieglitz dem Regieführenden.
Alfred Stieglitz
Georgia O’Keeffe – Hands and Horse Skull 1931
Hände, denen man es ansieht, dass sie aus der Natur in die Kunst wollen, um Bedeutung in der Metaphorik zu erlangen. Einen Gefallen, den ich ihnen gerne tun kann, indem ich sage, sie würden sich wie eine noch nicht entstandene Art von Kraken an einem gebleichten Rinderschädel zu schaffen machen. Oder, wenn O’Keeffes rechte Hand dreifingrig hinter dem Volant ihres geräumigen alten Fords hervorblitzt, müsse ich an neugierige Fischlein denken, die wie jene in der Geschichte von „Hans guck in die Luft“ aus dem Wasser schnellen. Und wenn O’Keeffe sich mit beiden Händen ins Gesicht greift, würden mich ihre Finger an die gekrümmten Arme nervöser Seesterne erinnern.
Aber das sind Fantasien einer Schriftstellerin, und Schriftstellern gehen Vergleiche meist schnell von den Lippen und leicht von der Hand.
O’Keeffe macht etwas ganz anderes. Sie spiegelt, was sie in den Fotografien von sich erfährt in ihre Bilder zurück. „Ich kann mich in ihnen erkennen,“ sagt sie, „und das hat mir geholfen auszudrücken, was ich ausdrücken möchte – durch malen.“
Von dem Augenblick an, in dem ich O’Keeffes Bilder und Stieglitz’ Fotografien als ein kunstvolles Ineinadergreifen verstand, begann ich O’Keeffes Bilder aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ich versuchte, ihre fotografierten Hände in ihren Bildern wiederzufinden. Dabei halfen mir die Zahl fünf sowie genau jene Krümmungen, Schwünge, und Verrenkungen, die Stieglitz ihren Händen oktroyiert und sie dann ins rechte Licht gesetzt hat.

Grey Tree, Lake George 1925
Ich fand Indizien leichter, als ich gedacht hatte, denn die Blüten vieler Pflanzen sind fünfblättrig und  viele Blätter fünffiedrig. Oft gemahnen die fotografierten Finger an spitz zulaufende lanzettförmige Blätter, wie z.B. die von Iris oder bei bestimmten Gräsern. Das alles ist bereits in den Bildern aus der Zeit mit Stieglitz zu sehen wie in „From the Lake“ und „Grey Tree, Lake George“, wo es um einen Baum mit fünf Ästen geht. Oder bei „The Lawrence Tree“, den O’Keeffe aus einer ähnlich „verrückten“ Perspektive gemalt hat, wie Stieglitz ihre Hände „verrückte“, so dass sie als Wurzeln gesehen werden können, wie die Äste Lawrence-Baumes. Auch bei den zahlreichen Türkenmohnen oder beim „Stechapfel, weiße Blüte“, ist das Fünffingerprinzip der Hand zu erkennen. Selbst die vielen Geweihe auf O’Keeffes Bildern erinnern an die Krümmung von O’Keefes Fingern in der Regie von Alfred Stieglitz. „Dead Pinon Tree“ nimmt das Handschema auf, mit dem Stamm als Mittelfinger (alle anderen überragend), und sogar der von oben gesehene Fluss in „From the River – Pale“ verzweigt sich fünfmal. Es ließen sich noch viele Beispiele dafür finden, wie O’Keeffe die von Stieglitz entwickelten künstlichen Bildstrukturen mit künstlerischen Mitteln in die der Natur zurückverwandelt.
Aber ich will Sie nun nicht weiter mit meiner Sicht der Bilder behelligen, viel wichtiger ist, dass Sie selbst sie aufmerksam anschauen und vielleicht ganz andere Schlüsse daraus ziehen.
Nur noch so viel: Auch Stieglitz hat sich in seiner Fotografie, vor allem in seiner Serie von Wolkenstudien, die er ab 1922 anfertigte (wie Britta Benke anmerkt), Bezug auf die, Jahre zuvor entstandenen, von Naturformen abgeleiteten Abstraktionen O’Keeffes genommen.
„Welch eine Beziehung“, möchte man da sagen und: „Es war die Arbeit, Liebster!“

Barbara Frischmuth
Ausstellungseröffnung "Georgia O'Keeffe", 6. Dezember 2016
Die Ausstellung läuft noch bis 26. März 2017.

Mittwoch, 23. November 2016

Martin Kippenberger - Ein Set von alternativen Ausstellungstexten


Martin Kippenberger ist Thema einer Lehrveranstaltung, die dieses Semester am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien abgehalten wird. Die Studierenden haben dieses Set von alternativen Wandtexten für die Kippenberger-Ausstellung verfasst. Wir finden das ganz großartig und wünschen viel Spaß beim Lesen!


Ich, Martin Kippenberger Superstar

"Dialog mit der Jugend" aus der 3-tlg. Serie Berlin bei Nacht, 1981
Ich bevorzuge es, mit verschiedenen Medien zu arbeiten, Hauptsache alles dreht sich um mich. Meine intensive Berliner Zeit thematisiere ich in Berlin bei Nacht, immer unterwegs und im rauschenden Dialog mit der Punkszene. Als Reaktion auf meine beleidigten Kritiker und im Wissen um meine provokative Selbstinszenierung stellte ich mich 1989 in die Ecke und schämte mich. „I hate you“ fifteen times! Als Künstler muss ich das Kreuz und die Krone selbst tragen, das Martyrium auf mich nehmen. Schaut hin und erkennt mich als enfant terrific oder Kippenberger Superstar.

Lisa Leutner, Laura Fuchs, Henriette Hochgatterer



Das Künstler-Chamäleon

Ertragsgebirge mit Wirtschaftswerten von Joseph Beuys I, 1985
Nach der gescheiterten Schauspiel-Karriere entschied sich Martin Kippenberger die in Florenz entstandenen Alltagsfotos im Stil Gerhard Richters auf Leinwände im Werk Uno di voi, un tedescho in Firenze zu übertragen – das stellt den Beginn seines malerischen Schaffens dar. Das war jedoch nicht der einzige Bezug zu seinen Künstlerkollegen. 1996 vollendet er als „Picasso-Reinkarnation“ dessen Werk indem er die Fotos von Jacqueline Picasso malerisch umsetzte. Frei nach der Aussage Joseph Beuys’ „Wenn Ihr alle meine Multiples habt, dann habt Ihr mich ganz“ versuchte Kippenberger in dem Werk Ertragsgebirge mit Wirtschaftswerten von Joseph Beuys I wieder einem Künstler näher zu kommen. Dies macht deutlich, dass Kippenberger sich in seinem Œuvre immer wieder mit dem Werk anderer Kunstschaffender auseinandersetzte und diese Eindrücke kreativ verarbeitete.

Selin Stütz, Barbara Marx, Sophie Abplanalp



Zuerst schauen dann lesen!

Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken, 1984
Die raumgreifende Installation Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald lässt uns eintauchen in die Deutsche Geschichte. Die drei Gemälde J.A.F., Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken und Heil Hitler Ihr Fetischisten begrenzen den Wald. Sie sind differenzierte Hinweise auf Martin Kippenbergers Provokation mit Sprache und Bildgestaltung und zeigen auf die deutsche Nachkriegszeit. Das Verknüpfen von Werk- und Titelebene verdeutlicht das Wirken von Kippenbergers Sprachgebrauch, der hier die Interpretation gezielt in eine Richtung lenkt. In diesem Sinne kritisiert er die zu große Bedeutung, die Titeln bei der Betrachtung von Werken beigemessen wird.

Mirabelle Spreckelsen, Sophie Rosenberger, Marianna Nenning




Vision vom Buch

Wer diesen Katalog nicht gut findet muß sofort zum Arzt
(mit Werner Büttner, Albert Oehlen und Markus Oehlen
Die Faszination am Wortspiel zeigt sich bei Kippenberger in allen Medien trotz seiner Legasthenie. Insbesondere seine zahlreichen Kunstbücher vereinen die unterschiedlichen Facetten der Person Kippenberger, Privates, Künstlerisches und öffentliche Wirksamkeit treffen aufeinander. Die Bücher sind keine reinen Verkaufsobjekte, sondern werden selbst zum Gegenstand seines künstlerischen Schaffens. In seinen Buchaquarellen porträtierte er die eigenen Bücher und der Betrachter wird zur genaueren Begutachtung angeregt. Ebenso eröffnet er dem Besucher den Einblick in den Inhalt seiner Bücher durch Projektion auf weißes Papier.

Cornelia Kofler, Axel Sabitzer, Sara Alavi Kia




Was könnt Ihr dafür?

Zuerst die Füße, 1990
Das zentrale Werk des Raumes ist der umstrittene Zyklus Fred the Frog. Zu diesem gehören neben dem Multiple mit Frosch am Kreuz die vier Gemälde und das Büchlein Fred the frog rings the bell once a penny two a penny hot cross burns. Hier wird Kippenbergers Lust an der Provokation ersichtlich, wie auch sein Talent mit Wortfetzen zu spielen. Die auf den ersten Blick unzusammenhängend auf die Leinwand geschrieben scheinenden Worte wurden von seinem Assistenten unter genauer Vorgabe von Schrift und Form in die Werke integriert. Mit dem am Kreuz hängenden Frosch schafft der Künstler ein Selbstporträt, das die christliche Kirche gleichzeitig karikiert. Ergänzt wird der Zyklus durch ein weiteres malerisches Werk: Die Bourgeosie kommt nicht weiter und der Fußball bewegt sich im Mittelfeld aus dem Jahr 1985. Schon im Titel wird wieder Kippenbergers Affinität zur Sprache deutlich. Scheinbar wahllos werden Slogans auf die Leinwand appliziert.

Aline Steinwender, Nurja Ritter, Leonie v. Oelsen




Vielfältigkeit statt Eindeutigkeit

The Problem Perspective. You are not the problem,
it’s the problem-maker in your head, 1986
Malerei, Multiples, Skulptur, Sound, Print – die Medienvielfalt verdeutlicht sich in Kippenbergers Spätwerk. Spiegelfolien mit Text binden den Betrachter mit ein, vermischen Erfundenes wie Kippenbergers Absage seiner Teilnahme an der documenta mit Realem, dem Antwortschreiben. Die kontrastreiche Stimmung zeigt sich besonders stark in den Malereien. So hängt Kippenbergers Selbstinszenierung als Clown im quietschbunten Kasperle-Zyklus auf der einen Seite, während es gegenüber in gedeckten Farben lautet The Problem Perspective: You are not the problem. It’s the problem-maker in your head. Die zwei ungewöhnlichen Möbelstöcke sind dem 47-teiligen Peter-Skulpturen-Zyklus entnommen, mit dem er die Galerie Max Hetzler vollstellte und „vermöbelte“ – sie sind Platzhalter für Kippenbergers Humor und performativen Arbeitscharakter.

Lothar Gödl, Eva Oberhofer, Sophie Publig




Wegweisender Nonsense

Andrea Stappert, Martin Kippenberger im Atelier Lindenstra.e, Köln 1985
Wegweisend präsentiert sich der Wortwald der irreführenden Installation im finalen Blickpunkt der Stirnwand. Kippenberger schafft durch seine Wortvorgaben Verwirrung, sowie Assoziationen und Wortwitz. Dieser Irritationsgedanke und die schwere Lesbarkeit findet sich ebenfalls im erstmals ausgestellten gelben Gemälde Ohne Titel von 1995 wieder. Die Werkserie Das Floss der Medusa greift die Vielschichtigkeit des Künstlers erneut und abschließend auf. Ausgehend von einer Fotografieserie Elfie Semotans entwickelte das Künstlerpaar den Medusa-Zyklus dabei rezipierend das Gemälde Das Floß der Medusa (1818/19) von Theodore Géricault. Abschließend wird der Besucher mit dem Versuch des Einschreibens in die Kunstgeschichte des Künstlers entlassen.

Vanessa Danisch, Marit Herrmann, Felicitas Kastner